Provinz tanzt Jugendschönheit - Teil 1
- 5. Apr. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Befremdlich ein bisschen, der Rückblick in den Spiegel, keinesfalls nur nostalgisch. Man sucht sich weder sein Elternhaus noch den Ort, in dem man aufwächst aus. Das ist das Blöde - aber eben auch spannend. Weil uns zumindest alle Möglichkeiten offen zu stehen schienen. Aber wird man den Dialekt und die Eigenart seiner jugendlichen Sozialisation jemals vollends los?
Es war strange. Achselhaare und Afro als Intimfrisur waren noch normschön. Und das man das so noch schreiben konnte, völlig in Ordnung. Nur Amerikanerinnen in Hollywood waren rasiert. Untenrum war ganz exotisch. Wir lebten im kulturellen Buschland. Keine Wüste, aber eben auch kein Dschungel wie in Berlin. Köln oder Düsseldorf anfangs weit weg. Und der nahe Pott krisengeschüttelt vom Niedergang der Montanindustrie.
Der Aufprall in der Provinzbrache war vielleicht besonders schonungslos, weil er im Hönnetal der Ahnungslosen meist zunächst nur eine verspätete Randnotiz blieb - als alles schon wieder seinen Höhepunkt überschritten hatte, gerierten sich Provinzkids ganz avantgardistisch wähnend in ein gedachtes Underground Mindset. Bildung. Das hatte immer etwas Sekundäres. War aber wichtig. Und eigentlich begannen die 80er auch bereits 1977 oder noch früher in unserer pubertären Sozialisation. Alienated. Die "Avantgarde der Angepassten" stellte das "Zeit-Magazin" im März 1980 fest, und staunte, dass da jemand nicht mehr "anti", sondern plötzlich "in" sein wollte. Passte aber nicht nur auf die anvisierten Popper, sondern auf das ganze Gehabe in der Enge der Provinz. Und bestimmt auf uns als „brave“ Schüler*Innen einer privaten Lehranstalt voller Nonnen, mit wöchentlicher Pflicht zur Einkehr in die innere Kapelle…
Wenn man nicht Training von was auch immer hatte (ich spielte Handball) hing man am Nachmittag und frühen Abend auf dem Kirchplatz oder den Kirchentreppen rum, mit Fahrrädern, dann Mofas, das Hochamt in der St. Vinzenz Kirche verbrachten wir sonntags nach Übungsjahren als Katholiban und Messdiener irgendwann lieber gleich nebenan im Heller (Zum letzten Heller).
In diese Zeit fallen auch meine frühesten Erinnerungen an eine Pommesbude ohne Namen an der Ecke Wasserstrasse / Bahnhofstrasse in der man sich eine zeitlang traf, viele Teenager, Britta, Ibi, Hendrik, Lollo, Mülko, Gitta, Bianca, Martina, Jürgen, Tessa, Hella, Ingrid, Claudia, Christian, Stefan…HGG, WBG, Walram, ein bunter Mix. Später zog da eine Pizzeria rein, Isola Bella...dort ganz in der Nähe des damals einzigen Mendener Sexshops und Pornokinos, dort, wo man per ausserordentlichem Kairos Lehrkörper im Dunkel vor der kleinen Leinwand mit Hut und bewegter Hand in freier Wildbahn entdecken konnte. Pornhub Analog. Jenseits der prüden Pausenaufsicht...
In diese Zeit fallen auch die Erinnerungen an den Bierbrunnen und Altbier mit Cola (ich glaube das Getränk nennt man immer noch Krefelder - oder heisst das Drecksack?). An die KJG, immer Freitags, denke ich gern zurück, an Feten, die in Gemeinderäumlichkeiten und Schulen stattfanden, an die Oesberner Hütte und dortige Parties. Peter`s Events im Hühnerstall natürlich. Selbst Schützenfeste. Und Pfingstkirmes. Sonntägliche Tanztees bei Grewe, mit 14 habe ich meinen ersten Kurs dort gemacht, dass muss 1979 gewesen sein. An Bernd und Claudia erinnere mich. Neben dem Standardportfolio gab es bei Grewe passend zur Zeit Disco-Tänze - in Reihe vor den Spiegeln aufgestellt stapfte, klatschte und drehte man sich zu Stomp! der Brothers Johnson und Le Freak von Chic - eine wahre Erlösung für all diejenigen, die bei Herren- oder Damenwahl ansonsten vereinsamt immer ihre Plätze hüten mussten. Der Tanztee war eine Institution. Punk Milliarden von Galaxien entfernt. Wie es in Sümmern, Halingen, Hemer oder in den HSK-Dörfern war, weiß ich nicht...
Daneben, ganz anders, Feten im Jugendzentrum, dass (so die kleinstädtische Legende) zu bestimmten Zeiten sogar von abgeordneten Späh-Nonnen observiert wurde, um gefährdete Schülerinnen des Lyzeums bei ihren Eltern zu denunzieren - es galt als prolliger Drogensumpf voller Nachzügler, Nachwuchs-Rocker, Gammler und Langhaariger, die es auf dem Hippie-Trail bis dahin nie weiter als bis zum Kirchplatz gebracht hatten. Und reformpädagogische Hinterlassenschaften von 68 waren sowieso schlicht inkompatibel mit denen unserer Schulleitung. Das passte so gar nicht zum pädagogischen Konzept am WbG. Bloß keine obskuren Experimente....
Der Abenteuerspielplatz lag woanders. Ich erinnere mich gut an den Dicken Baum und sonntägliche Jazz- und Blues-Konzerte dort, an die Alternative an der Hauptstrasse, diesen Keller, ebenso das Milieu, nur ein Stück weiter, in deren Räumlichkeiten später Die Zwei Platz nahmen, an die Hitte, das Bistro, die Eierkiepe, später die Mendener Mühle. Natürlich Café Rössler während der Frei- und Blaustunden oder Die Kleine Kneipe in der Bahnhofstrasse.
Manchmal fuhren wir mit unseren frisierten Mofas, später Autos zum Dollen Franz nach Oesbern. Wenn das Wetter passte, an die Ruhr zum Baden zu einem Wehr. Oder zur Sorpe. Nachts in der Leitmecke schwimmen. Das Auftauchen der Dorfpolizei stets ein Highlight. Oder sturzbetrunken mitternächtliches Glockenläuten auf dem Dach der Friedhofskapelle. Laternen austreten. Geklauten Messwein auf Ex während der Exerzitien in Knechtsteden.
In der Balver Höhle gab‘s noch Klüter’s Jazzfestival. Und manchmal waren wir im Henkelmann in Iserlohn. Warum fällt mir gerade Pirpaukee ein? Keine Ahnung. Abhängen mit Rüdiger - Pfeife rauchend, Hard Bob, Miles Davis, John Coltrane, Bukowski und Henry Miller, dann wieder die Doors, Schach, per Interrail und Hitchhiking durch Marokko, Pirhanas im Aquarium.
Etwas versnobt, wenn schon Kulturindustrie, dann lieber ein halbes E als ein prolliges U, von New Jazz über Klassik und Neue Musik landete man irgendwann später auf einer Linie voller bürgerlicher Arabesken natürlich beim Wuppertaler Tanztheater, Verdi, Puccini und Wagner in der Oper am Rhein, Heiner Müller im Schauspielhaus Bochum usw., das war absehbar. Und man fuhr schon vorher gern mit Schwester Lydia 1977 zur Documenta 6 und dann 1982 zur 7 nach Kassel. Das Orgien-Mysterientheater von Nitsch mit Hektolitern von Schweineblut auf aufregenden nackten Körpern ist mir noch gut in Erinnerung, ich fand das irgendwie geil - der Kontrast zu Goethes Farbenlehre im Kunstunterricht hätte nicht größer sein können. Aber Schwester Lydia war ‚ne richtig Gute. Und überhaupt: Good Times? Best Times! Diese wunderbare Leichtigkeit einer privilegierten Kinderstube im Sauerland!
Die meisten verspürten einen starken Bewegungsdrang, stets natürlich sexuellen Notstand, und es gab Discos. So hiessen Clubs damals noch: Meine erste - das Tiffany in Menden an der Werler Strasse, Tainted Love. Mit 15 oder 16 und Ingrid und Hella, Claudia war auch dabei, glaube ich. Das war so eine Kiddie-Disco, nachmittags ab 3 durften Minderjährige rein und um 22 Uhr war dann Schluss mit lustig und U18. Und es gab ja auch nicht viel mehr - in der damaligen Hölle von Menden war es nicht unwahrscheinlich, die eigenen Eltern möglicherweise anzutreffen. Peinlich. Keine Option...
Die Homebase wurde kurz darauf, wie für viele von uns, das Point One in Hemer-Westig, Donnerstags und Freitags, auch Heiligabend ab Mitternacht immer die erste Adresse. Altersbeschränkungen wurden eher lässig gehandhabt. Man bekam seinen Stempel und die Verzehrkarte und gut.
Dienstags waren wir einige Male im Chamäleon / Fabrik in Letmathe. Samstags ging es alternativ oft ins Rockpoint nach Unna. Bei meinen ersten Besuchen fummelten dort noch einige Langhaarige beim Steh- oder Klammerblues und ein Freak lief mit mitgebrachten Bongos(?) wie ein irrer Derwisch auf der Tanzfläche rum - aber auch dort wurde es mit der Zeit rauer und schwärzer und die Hippies immer weniger.
Oder wir fuhren ins Zero nach Bruchhausen zum „Leichentanz“ (4 Schritte vor / 4 Schritte zurück, Restart), das Cult in Neheim oder gleich in den Pott - entweder nach Dortmund, Orpheum, Memphis, Hades mit Vortanken im Kraftstoff mit den Betz-Brüdern und Scheppchen. Nach Bochum ins Zwischenfall ab 84 oder Logo oder in den Bahnhof Langendreer.
Oder noch weiter ins Rheinland - ins Checkers, den Ratinger Hof oder das fabelhaft queere Relaxx in Düsseldorf, die Bhagi-Disco, nach Krefeld und Umfeld: Königsburg, das Aratta in Moers. Und auch nach Münster ab 83 - ins Jovel, das links-alternative Grünhaus, so ein Kollektiv, in dem die Kronenburger Alt-Kommunarden abhingen - aber natürlich absolut präferiert ins Odeon. Wo Maxi Lenz aka dem späteren Westbam punkig als gleichaltriger Youngster noch auflegte. Später, nach 84 ins GoGo. Und Rick’s Cafe. Konzerte. Abtanzen.
Ein oder zweimal haben wir 82 / 83 auch das Dorian Gray in FFM vergeblich versucht. Harte Tür für jemanden in einer pinken Latzhose mit nahezu dauerleeren Taschen. Das war VIPpy und noch lange vor Techno und dem Sound of Frankfurt. Solche Dresscode-Pannen gab es häufig. Blöd. Aber 5 Stunden Hin- und Rückfahrt nach FFM waren ultimativ für’n Arsch.
Gross-Dissen wie das Gray waren 82 eher noch Ausnahmen. Ein paar Jahre später, Ende der 80er / Anfang der 90er änderte sich das und sowieso alles mit Tarmcenter, Soundgarden und Co - mit LoPa und Mayday ging's parallel dann ja auch richtig mit dem Techno Business und wenig späteren Ausverkauf los - selbst Menden war mit dem KM seit dem Frühling 89 trotz Querelen dann doch irgendwie so very proud, für ein paar Jahre zumindest einen „eigenen“ Eurodance-Palast im kulturellen Stadtgebiet aufweisen zu können.
Das war schon nicht mehr meine Szene. Over the Rainbow. Definitiv. Und erst recht nicht mehr meine Musik...neben den aufregenden Hitchhikes nach Berlin spielte die für mich in kleinen Klubs, auf Raves in Parkhäusern und Autobahnunterführungen und ab 93 - stellvertretend für viele andere feine Läden - z.B. in der Roten Liebe in Essen.
SZENEN
Ohnehin hing es immer davon ab, mit wem man gerade so unterwegs war und in welcher Bubble man sich bewegen und ausprobieren mochte. Trotz aller feinen Unterschiede - die Szenen waren durchlässig, übles Renegatentum und Ächtung eher selten. Nur bei Poppern (obschon die meisten von uns prinzipiell als nahestehende Verwandte erschienen) und Glatzen war man sich meist einig.
Es gab uns WbG-Normalos, privilegiert, neugierig auf das Andere und auf der Suche nach gerade noch tolerierbarer Exotik, natürlich die verspäteten Provinz-Punks und OI!s, interessant, die Waver, die Tollen der "echten" Popper, viele Ökopaxe in Selbstgestricktem mit ihren zahllosen Brokdorf-Broschen und Friedenstauben, das Peace-Zeichen inflationär an jeder Ecke und auf jedem Schreibmäppchen, eine Handvoll Kleinstadtsonderlinge und Freaks, dann tolle Originale, wie der stets freundlich gestimmte Wispa mit seinen riesigen Wiegeschritten auf dem Weg in den Dicken Baum, wer erinnert sich nicht - Rocker-Attitüden in MCs, ein paar wenige Teds und Psychs.
Unsere Sozialisation fiel in eine einzigartige Blüte parallel existierender Jugend- und Subkulturen. Egal ob in Leder-, Latz- oder Karottenhosen - wenn ich darüber nachdenke, gab es an unserer Schule diesbezüglich jedoch null echte Auffälligkeiten. Dezent Kajal unter den Augen, ein Brillie im Ohr, Gel und Haarspray, das war meist alles. Inking und Arschgeweihe waren noch mehr als ein Jahrzehnt weit weg und wir ohnehin ja immer verspätet, meist mild verklemmte Kleinstadt-Projektionen von Hamburger Kaschmir-Kids in Trenchcoats, selbst die Side-Walks neben der Schule waren harmlos. Einige fuhren gern die Erdbeerkörbchen ihrer Mütter. Die Ökos waren ausserhalb ihrer ungemein breiten Echokammer zwar auch nicht bei allen beliebt, aber da gab es immer eine gewisse Anschlusskompatibilität, allein aufgrund der Masse. Man denke nur an die Ornamente der Friedensmärsche und sonstiger Protestketten. Hand in Hand. Mitlaufen ging aber gar nicht...
Es war stets freundlich mit Provinzpunks und ihren Ratten oder den Skins abzuhängen, nett mit den schon damals immer grundempörten Ökopaxen über Le Atomangst, die Nachrüstung, das Wald- und Artensterben oder über Homöopathie und Waldorfpädagogik zu Tee, bei Räucherstäbchen und Patchoulidüften zu plaudern und ihnen dabei gleichzeitig vergnügt als Alternative zu „Karl der Käfer“ schmunzelnd und mit Nachdruck S.Y.P.H. „Zurück zum Beton“ zu empfehlen, ein Spass mit Teds und Psychs zu den Meteors zu tanzen oder mit den Punks zu pogen.
Aber dauernd wenig Geld für Vinyl, eine Standard LP kostete bei Kickermann im Phonoforum immerhin mehr als 20 DM, klauen ging auch nicht dauernd, Bestellungen und Importe (sofern in 5750 Menden überhaupt erhältlich) teilweise bis zum 2-3 fachen, die 12“ Maxi um die 15 DM, die ersten CDs ab 84 grundsätzlich min. 15 mehr als Vinyl. Radio DJs, Kneipen und Diskotheken, private Parties, bei denen die „wohlhabenderen“ ihre Platten mitbrachten, bestimmten den Konsum. Und natürlich die Compact-Cassette…
(Fortsetzung Teil 2 folgt: THE POLITICS OF DANCING)



Übrigens hieß die Pommesbude, später Isola Bella, „bei Kappen“!
Es reichte, um da zu bleiben, wenn nur einer von uns Pommes kaufte; flippern
konnte man da auch….und knutschen!