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Kognitive Offenbarung - finde den Fehler

  • 31. März 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Lesenswert, allemal. Dennoch - finde den Fehler. Die Zeit im Digitalen ist gerade erst richtig in Fahrt gekommen, mit Metaverse, AIG und QC wird sich das bislang gewohnte Leben in der Zukunft wohl eher noch viel weiter in den virtuellen "Raum" ausdehnen. Dass kann man begrüßen oder kritisieren - ändern wird man es wohl kaum. Trotzdem sehr empfehlenswert.


Gérald Bronner: Kognitive Apokalypse. Eine Pathologie der digitalen Gesellschaft. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. C.H. Beck Verlag, München, 2022. 285 Seiten. 24 Euro.

WIR DIGITALISIEREN UNS ZU TODE - EINE PATHOLOGIE DER GEGENWART


Wir sind reicher denn je. Zumindest gemessen an jener freien Zeit, in der wir ein Heilmittel gegen Krebs entwickeln, bedeutende Kunstwerke erschaffen und die Welt zu einem besseren Ort machen können. Doch wir laufen Gefahr, diesen kostbaren Schatz zu verspielen, lassen zu, dass die Verlockungen der digitalen Welt den Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit gewinnen. Wie werden wir also künftig diese begrenzte Ressource einsetzen, wenn davon nichts Geringeres als die Zukunft der Menschheit abhängt?


3,7 Stunden unserer wertvollen freien Zeit verbringen wir täglich vor Bildschirmen. Wir lesen Mails, schauen Videos, springen von einer Website zur nächsten, prüfen, wie viele Likes unser neues Profilbild hat, scrollen durch soziale Netzwerke, und selbst die Suche nach einem neuen Partner verlagert sich zunehmend in die digitale Welt. Wir swipen, klicken, liken, kommentieren und merken kaum, was es bedeutet, dass wir das Gros unserer freien Zeit in einer Welt zubringen, in der Hass, krude Theorien und Fake News oft mühelos Wahrheit, Wissenschaft und gute Argumente beiseiteschieben. In seiner Pathologie der digitalen Gesellschaft erklärt der renommierte Soziologieprofessor Gérald Bronner, gestützt auf soziologische, psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse, was unser Verhalten in der digitalen Welt über uns und unsere tiefsten Sehnsüchte offenbart.


Wie nutzen wir das Kapital unserer Aufmerksamkeit? Die digitale Welt absorbiert unsere Aufmerksamkeit, es bleiben wenig Ressourcen für höhere kognitive Funktionen Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, wie wir mit dem wertvollsten Schatz, der freien Gehirnzeit, umgehen Ein wichtiges Buch für unseren Umgang mit der digitalen Welt. (Klappentext)



Rezensionen:


Das Gehirn in Zeiten der Informationsflut

Deutschlandfunkkultur, Von Vera Linß · 30.09.2022


Kognitive Apokalypse: Was für ein alarmistischer Titel! Klingt nach Zerstörung des menschlichen Geistes, ausgelöst durch die Digitalisierung. Neu wären solche Szenarien nicht. Allerdings: Gérald Bronner ist kein Technikpessimist. Mit Apokalypse meint er die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: Offenbarung.


Digitale Medien hätten wie nie zuvor offengelegt, wie leicht sich das Gehirn des Menschen mit technischen Tricks in den Bann ziehen lässt, schreibt er. Die Kehrseite: Aufmerksamkeit wird abgezogen, klares Denken behindert. Und das könne durchaus apokalyptische – gemeint ist: dramatische – Folgen haben.


Ablenkung ist stets willkommen


Mit seinem Buch will der französische Soziologe gegensteuern. Aber nicht, indem er all das Gedaddel in den sozialen Medien verurteilt. Sein Ziel ist Aufklärung.

Das permanente Scannen von News, das Liken von Bildern, das Chatten wie auch der Online-Konsum von Sex-Videos – all das treffe auf „anthropologische Imperative“, die im menschlichen Gehirn verankert sind. Und deshalb könne man solchen Aufmerksamkeitstriggern nur schwer widerstehen.


Das heißt, alles, was die eigene Identität berührt, wird unmittelbar wahrgenommen – auch gegen unseren Willen. Spektakuläres etwa, Neuigkeiten über Stars oder Informationen, die eine Gefahr oder Warnung darstellen, aber auch einzelne Wörter wie der eigene Vorname oder das Wort Sex.


Mit Hilfe zahlreicher Studien erklärt Gérald Bronner, was dabei im Gehirn abläuft. Wie es beim Einsetzen des „Vergleichsreflexes“ Dopamin ausschüttet. Oder in welchen Regionen festgelegt wird, was besonders schnell wahrgenommen wird.


Ein Selektionsvorteil wird zur Last


Das Dilemma: Der einstige Selektionsvorteil – schnell reagieren zu können – wird durch das Internet zur Last. Auch hier belegt der Soziologe seine Thesen mit Studien. Sie zeigen: Je mehr Informationen auf schnelle Reflexe abzielen, desto schwerer wird es, Nachrichten noch richtig einzuordnen. Etwa zu erkennen, wann wirklich Gefahr droht. Doch wie umgehen mit diesen „kognitiven Verzerrungen“? Was muss die Gesellschaft tun?


Zuallererst realistische Vorstellungen über das menschliche Wesen entwickeln! Nachdrücklich macht Gérald Bronner, der sich selbst „Neorationalist” nennt, klar, wie wenig er von einer „naiven Anthropologie“ hält. Diese gehe davon aus, dass der Mensch, etwa wenn er profitorientierte (digitale) Medien nutzt, von seiner Natur entfremdet handelt.


Ebenso scharf rechnet er mit der Ideologie von „Neopopulisten“ wie Trump, Grillo oder Bolsonaro ab, die demokratische Instanzen ausschalten wollen und behaupten, nur die direkte Kommunikation mit dem Volk (via Internet) sei genau das, was die Bürgerinnen und Bürger wünschten.


Das Vermögen, selbst zu denken


Bronner sieht diesen Ausweg: Als Ausgleich müssen diejenigen Teile des Gehirns gestärkt werden, die derzeit zu kurz kommen. Die Fähigkeit zum Aufschub unmittelbarer Befriedigung etwa. Oder das Vermögen, selbst zu denken. Wissenschaft, Bildung und Chancengleichheit sind dabei für ihn zentral. Das ist freilich eher ein Statement, denn ein (politischer) Plan. Seiner brillanten, mehrfach preisgekrönten Analyse tut das aber keinen Abbruch.





 
 
 

1 Kommentar


Unknown member
01. Apr. 2024

…das auf BIGMOMs Website wohl kaum Rede-Beiträge vorhanden sind, liegt nicht nur daran, dass die meisten von Euch, anders als ich, noch arbeiten müssen. Ich werte das aber vor allem als gutes Zeichen für die von Bronner beschriebene Empfehlung, Gehirnzeit nicht mit Facebook, Insta und Co. zu verschwenden, sondern die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu geniessen. Mit einer solchen Einstellung kann man sich die Lektüre (und damit „Gehirnzeit“) sparen. ;-)

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